Der Deutschen Lebenserwartung oder: Das Paradox, das (vermutlich) keines ist

Das Thema geistert seit Wochen durch die Medien: Deutschland hat eines der teuersten Gesundheitssysteme Europas (und der Welt), aber die Deutschen werden nicht älter, sondern sterben jünger als ihre Nachbarn; da befindet sich Deutschland eher am Tabellenende. Hoppla. Und in den letzten 25 Jahren hat sich dieser Trend zur „Paradoxie“ noch verstärkt, d.h. im Vergleich zu einigen Nachbarländern ist es noch schlimmer geworden – der deutsche Mann stirbt im Durchschnitt 1,7 Jahre eher als Schweden, Spanier, Franzosen oder Finnen. Die deutsche Frau überlebt „den“ Mann zwar immer noch, aber nicht ihre Schwestern in Nachbarländern, sie tritt vielmehr im Schnitt 1,4 Jahre eher ab. Schuld ist häufig der Herz-Kreislauf-Tod oder im Fachjargon: kardiovaskuläre Ereignisse. Das Gute am Schlechten: Die Deutschen sterben im Durchschnitt etwas seltener an Krebs als die Nachbarn, weil sie oft gar nicht alt genug dafür werden.

Die Erklärung, die Experten für das Paradox abgeben sind z.T. plausibel, z.T. eher kurios bis absurd oder lustig, das hängt vermutlich vom Standpunkt des Betrachters ab. So heißt es, die Deutschen würden sich eben sehr auf das Gesundheitssystem und ihre Ärzte verlassen, so dass sie es mit der Versorge schleifen ließen – also die Verantwortung für ihre Gesundheit lassen sie lieber beim Weißkittel, statt sich gesund zu ernähren, ausreichend zu bewegen, Alkohol und Nikotin zu meiden. Als Naturheilkundler könnte man sagen: „Bitte sehr. Da habt Ihr’s mal wieder!“ Allerdings trifft die verbesserte Prävention in Nachbarländern immer nur punktuell oder in Bezug auf einzelne Faktoren zu: In Schweden wird deutlich weniger Alkohol konsumiert, in Skandinavien insgesamt mehr Sport getrieben, in Frankreich deutlich weniger geraucht, in Südländern teilweise mehr Gemüse gegessen. Aber dass die Länger-Lebenden allesamt Präventionseuropameister in allen wichtigsten Disziplinen wären, lässt sich echt nicht behaupten.

Vielleicht gibt es noch ganz andere wichtige Stellgrößen. Sie ahnen es? Jaja, der Stress. Darin ist Deutschland zumindest in Bezug auf Arbeitnehmer wohl immer noch Europameister: Nirgendwo in Europa scheint es so wenige Arbeitnehmer*innen zu geben, die sich niemals oder nur selten gestresst fühlen, und so viele, die sich regelmäßig gestresst fühlen. Allerdings soll es, wenn man die Gesamtbevölkerung untersucht und nicht nur den arbeitsbedingten Stress berücksichtigt, anders sein; da führen nach einer Studie Griechenland, Türkei und Portugal.

Wie steht es um Liebe, Partnerschaft und freundschaftliche Beziehungen? Weiß doch der psychosomatische denkende Ganzheitsmediziner, dass Herzprobleme manchmal mit Herzensthemen zusammenhängen. Eine Studie, deren Ergebnisse 2023 veröffentlicht wurden, ergab, dass die Beziehungen der Deutschen „statistisch“, also im Großen und Ganzen und im Vergleich, weniger liebevoll sind als in vielen Nachbarländern: Italien und Portugal schnitten deutlich besser ab, aber selbst die skandinavischen Länder landeten deutlich vor Deutschland, obwohl der allgemeine Trend der Studie lautete: je nördlicher, desto kälter sind die Beziehungen.

Ein weites Feld und viel Raum für Spekulation. Eine These konnte ich allerdings in der Diskussion der vergangenen Wochen nicht finden: Was, wenn es sich bei dem „Paradox“ gar nicht um ein solches handelt, sondern um eine durchaus logische Konsequenz? Was, wenn die Deutschen nicht früher sterben, OBWOHL sie eines der teuersten Gesundheitssysteme haben und überdurchschnittlich viele ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen, sondern WEIL?! Nehmen wir ein prominentes Beispiel unter die Spekulationslupe.

In Deutschland werden pro Jahr fast 1,2 Millionen Herzkatheter-Eingriffe vorgenommen, ein weltweiter Spitzenwert. In der Folge von rein diagnostischen Herzkatheter-Untersuchungen sterben kurzfristig zwischen 1 und 2 % der Patient*innen, rechnen Sie das gerne mal in absolute Zahlen um – das ist ein ordentlicher Friedhof. Bei Herzkatheter mit operativen Maßnahmen (v.a. Stent setzen oder mit Ballon aufdehnen) gibt es etwa 4 % Todesfälle danach, die Rate liegt also nochmals höher, aber dabei besteht ja auch eine deutlich höhere Notwendigkeit für den Eingriff. Über die Notwendigkeit zu diagnostischen Zwecken lässt sich leichter streiten, nicht zuletzt weil es oft Alternativen mit weniger Eingriffstiefe gäbe (EKG, CT, Sonographie). Die häufigste schwerwiegende Nebenwirkung des Herzkatheters ist übrigens ein Nierenschaden, auch das wissen m.E. viele Betroffene und ihre Angehörigen nicht. Oder Sie wollen es nicht wissen; denn etwas Wahres ist ja schon dran, dass der deutsche Patient die Verantwortung für seine Gesundheit gern beim Weißkittel lässt (der längst Jeanshemd trägt).

Die Zahl solcher Untersuchungen hängt vor allem davon ab, wie viele entsprechend spezialisierte Zentren – sie nennen sich „Labore“ (fragen Sie mich nicht wieso) – es in der Region gibt. Also, sie variiert sehr stark! Nun müsste Folgendes leicht festzustellen sein: In Regionen mit mehr Herzkatheter-Laboren sterben mehr Menschen an diesen Eingriffen, weil es mehr Eingriffe gibt. Das wäre nicht weiter schlimm, außer für die Betroffenen (… !), wenn der Nutzen dieses Aufwands insgesamt für die Bevölkerung größer wäre als dieser Verlust. Theoretisch, wenn die Maßnahme grundsätzlich sinnvoll ist und ein eindeutig positives Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweist, müssten in den gleichen Regionen insgesamt deutlich weniger Menschen an Herz-Kreislauf-Tod sterben, obwohl die Zahl der durch die Untersuchungen erlittenen Verluste höher ist als in anderen Regionen. Tja, dummerweise finden sich dazu keine Zahlen. Interessiert es vielleicht nicht jene, die es zu entscheiden haben?

In einem Gesundheitssystem, dass entsprechend der Beschlüsse der zuständigen Gremien die Kostenübernahme für viele Eingriffe und Medikamente durch die Krankenkassen von vorneherein gewährleistet, erzeugt nicht unbedingt nur der medizinische Behandlungsbedarf die Zahl an Leistungen – sondern das Angebot generiert auch „Nachfrage“; d.h. den Patient*innen wird einiges nahegelegt, was vielleicht nicht so notwendig oder so sinnvoll ist wie behauptet. Keine Sorge, „die Kasse bezahlt das“. Davon geht der Deutsche aus, wenn er sein elektronisches Gesundheitskärtchen am Tresen des Empfangs abgibt. Manchmal sollte man sich aber besser Sorgen machen!

Kürzlich hat mir meine Schwester, die in Frankreich lebt, ihr Leid geklagt in punkto Gesundheitswesen. In Frankreich muss der durchschnittliche Patient bei vielen ärztlichen Leistungen erst in Vorleistung treten und bekommt sie dann teilweise erstattet, der Eigenanteil ist bisweilen erheblich. Ja, sicher, Deutschland ist aus sozialstaatlicher Sicht in mancherlei Hinsicht vorbildlich. Nebenbei bemerkt trifft dies auch auf die Versorgung mit psychotherapeutischen Leistungen im Ländervergleich zu. Für meine Schwester versuchte ich ein tröstendes Wort zu finden: „Das Gute am Schlechten in Bezug auf das französische System ist, dass Dir weniger Überflüssiges oder gar Schädliches angetragen wird.“ Und damit meinte ich nicht die Psychotherapie. 😉

Text: © Christoph Wagner (HP, Therapeut), Vors. des NHV Taunus

Bild: © Gerd Altmann bei Pixabay

Ernährung und ganzheitliche Therapie bei Krebs: Vorsicht mit Empfehlungen

Ganzheitliche Therapieempfehlungen bei Krebs sind heikel, schnell kann der Eindruck entstehen, man würde unberechtigte Hoffnungen schüren und dadurch Patienten von einer sinnvollen Therapie – wer auch immer definiert, was das sein soll – abzuhalten. Aus Erfahrung kann ich jedenfalls sagen: Versuchen Sie nicht jemandem Hinweise oder Tipps zu geben, der sie nicht haben will; z. B. wenn Angehörige von Ihnen Krebs haben, Sie selbst zwar ganzheitlich denken, aber Ihr Angehöriger sich komplett auf die Schulmedizin verlässt. Lassen Sie ihn oder sie den selbst gewählten Weg gehen! (Falls dagegen Motivation und Eigenverantwortung für eine ganzheitliche Therapie beim Patienten selbst vorhanden sind, empfehle ich die Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr, die mit einem breiten Informationsangebot – auch im Internet – und erfahrenen Fachleuten helfen kann.)

In punkto langfristiger Prophylaxe ist es mit ganzheitlichen Empfehlungen etwas einfacher. Kurz und knackig: Gesundes Leben lohnt sich. Na, wer hätte das gedacht?! Das individuelle Krebsrisiko hat statistisch gesehen für die große Masse nur in geringem Maße mit Genen oder Schicksal zu tun hat, sondern wird zu einem großen Teil durch den Lebensstil beeinflusst. Die Zahl der erblich bedingten Krebsfälle rangiert unter zehn Prozent. Für die überwiegende Mehrheit gilt: Krebs wäre vermeidbar. Das klingt hart für die Betroffenen (nämlich nach „selbst schuld“), aber in der Therapie geht es nie darum, Schuldige zu finden.

Um welche Lebensstilfaktoren, die Krebs begünstigen oder fördern, geht es?

  • Rauchen
  • Übergewicht
  • Mangel an körperlicher Bewegung
  • Zusammensetzung der Nahrung
  • Alkohol

Bei der ungünstigen Ernährung geht es vor allem um zu wenig pflanzliche, zu viele tierische Lebensmittel. Der risikosteigernde Effekt von rotem Fleisch ist für viele Krebsarten (z. B. Dickdarmkrebs) ebenso gut belegt wie senkende Effekt einer pflanzlich betonten Ernährung. Die Bevölkerungsgruppe mit dem niedrigsten Gemüseverzehr weist auch die höchsten Krebsraten auf – und das nicht nur weil in dieser Bevölkerungsgruppe auch am meisten geraucht und zu viel gegessen wird.

Krebs ist in erster Linie keine lokale Erkrankung, sondern eine Störung im Gesamtorganismus. In unserem Organismus entarten ständig Zellen zu Krebszellen, aber diese Prozesse werden häufig vom Organismus korrigiert bzw. unter Kontrolle gehalten. Eine schlechte Ernährung (Fast Food, Fleisch, Wurst, Süßigkeiten im Übermaß u.a.) auf der einen Seite und ein ernährungsbedingter Mangel an wertvollen Mikronährstoffen, die die Abwehr bzw. Zellkontrolle fördern, kann dazu beitragen, dass Entartungsprozesse mehr Raum einnehmen. Erwähnenswert, obwohl in Deutschland selten geworden, ist noch ein sehr hoher Salzkonsum (früher durch Pökeln etc. mehr verbreitet), er steigert das Risiko für Magenkrebs.

Merkwürdigerweise spielt Ernährung, obwohl als Vorbeugefaktor berühmt, keine Rolle in der Krebstherapie. Der berüchtigte Rat von konventionellen Krebsmedizinern lautet: „Essen Sie, was Ihnen schmeckt …“ Das hat fast einen Beiklang von Mitleid und man könnte sich den Nachsatz vorstellen: „… sonst bleibt Ihnen ja nicht mehr viel“. Komisch: Kein Arzt traut sich, Krebspatienten zu raten, sie sollten weiter rauchen, um die Lebensqualität zu erhalten. (Übrigens nennen sich heute fast alle Onkologen „ganzheitlich“, weil es irgendwie den Patienten beruhigt oder dem Marketing dient, und würden den Begriff „konventionell“ als Schimpfwort zurückweisen. Mir geht es aber gar nicht darum, Ärztinnen und Ärzte, die einen harten Job haben, zu beschimpfen, sondern Laien für andere Sichtweisen zu sensibilisieren.)

Eine Ernährungstherapie zielt nicht darauf ab, mit einzelnen Lebensmitteln Krebs zu heilen, wie mancher prominente Buchtitel denken lässt (z. B. „Krebszellen mögen keine Himbeeren“). Vielmehr geht es zunächst darum, die Lebenskraft des Patienten zu stärken und eine insgesamt gesündere Ordnung wieder herzustellen.

Im Vergleich mit chirurgischen, chemo- oder strahlentherapeutischen Maßnahmen wirken Ernährung und allgemein „diätetische“ Maßnahmen, also die Änderung des Lebensstils, in der Tat sanft und langsam. Daher erscheint es zunächst unplausibel bis fatal, auf sie STATT auf Schulmedizin zu setzen. Allerdings, wenn man Verläufe unter Chemotherapie kennt, könnte man für viele auch sagen: Wer sanft behandelt, dem bleibt vielleicht noch mehr Zeit, als dem, der ohne Rücksicht auf Verluste die Krankheit bekämpft. Bei einigen Krebsarten funktioniert dieser Vernichtungsfeldzug zwar, bei vielen Krebsarten vernichtet die Chemotherapie aber leider auch den Patienten. Wer schon ein paar Jahre älter ist (wie ich), hat dies mit Sicherheit schon bei Bekannten oder Verwandten erlebt. Wenn daher von der Warte der Schulmedizin ganzheitlichen Therapien vorgehalten wird, ihre Wirksamkeit sei wissenschaftlich nicht erwiesen, dann müsste sie eigentlich eingestehen, dass das Urteil über die Chemotherapie für viele Krebsarten eher noch härter ausfällt: deren schlechte Nutzen-Schaden-Bilanz ist in vielen Fällen sogar wissenschaftlich erwiesen. Nur gibt es ständig therapeutische Innovationen, als immer teurere chemische Medikamente, die mit neuen Verheißungen der Pharmaindustrie ausgestattet sind.

Was heißt eigentlich „therapeutischer Erfolg“? Der Patient versteht darunter, dass der Krebs wieder „weg“ ist wie vor der Diagnose. Dies ist meist der erste Zahn, der dem Patienten in der Ganzheitsmedizin gezogen werden muss: Es geht nicht darum, Krankheiten loszuwerden, sondern besser mit ihnen zu leben – auch wenn tatsächlich in einem Teil der Fälle so etwas wie vollständige Heilung, aber doch meist eher im Sinne von Symptomfreiheit, eintritt.

Ein Krebs wächst manchmal über 10, 15 oder 20 Jahre, bevor er diagnostiziert wird – und der Mensch lebt bis dahin oft nicht schlecht und danach vielleicht noch Wochen, Monate oder eben weitere 5, 10 oder 15 Jahre. Wann in diesen ganzen 35 Jahren vom Beginn der Pathogenese angefangen war er denn noch gesund, wann wurde er krank, wann wurde er wieder gesund? Und wenn er am Ende doch an Krebs stirbt – 10 Jahre nach der Diagnose –, war er dann die ganze Zeit doch unheilbar krank? Die Schulmedizin nennt es jedenfalls Heilung, wenn der Patient nach fünf Jahren noch lebt.

Der Umgang mit Krebs im Alltag und in der hiesigen Medizin verweist darauf, dass wir extrem einseitige Vorstellungen von Krankheit, Gesundheit und Heilung haben. Dieses Schwarzweißbild entspricht unseren psychischen und psychosozialen Bedürfnissen, Krankheit und Tod zu verdrängen. Ich bin da auch nicht anders „drauf“ als das Gros der Gesellschaft, aber als (Psycho-)Therapeut vielleicht etwas eher geneigt, Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht nur zu verdrängen und mich von den Realitäten, wenn sie unübersehbar sind, nicht abzuwenden.

PS. Damit keine Missverständnisse entstehen: Die chirurgische Entfernung der Krebsgeschwulst ist häufig eine sinnvolle Maßnahme, die dann auch von den allermeisten Ganzheitsmedizinern befürwortet wird. (Eine Ausnahme kann z.B. der Prostatakrebs je nach Art, Stadium und Alter sein, mit dem kann mann evtl. gut zusammenleben bis zum Lebensende.) Allerdings trifft die häufig mit der OP verbundene Hoffnung, der Krebs sei damit „weg“, nicht zu.

 

Grafik: © Mohammed Hassan auf Pixabay

Text: © Christoph Wagner, 1. Vors. NHV Taunus, 2024

Übersäuerung vermeiden: Vegetarisch im Vorteil – nur ein Randthema?

Es gibt Themen, die scheinen in der Naturheilkunde riesengroß, und werden von der Schulmedizin doch nur belächelt. Das allein taugt nicht als Qualitätskriterium, denn einige wenige Themen haben es schon aus der Zone des Belächeltwerdens herausgeschafft und gehören seit Jahren auch zum Standard der Schulmedizin, etwa das sog. Mikrobiom (früher unter dem altbackenen Namen Darmflora bekannt). Soweit ist es aber mit der sog. Übersäuerung, trotz immer wieder anderslautender Prophezeiungen einiger Ganzheitsmediziner, bisher nicht gekommen: Sie ist schulmedizinisch ein Randthema.

Die schulmedizinische Sicht lautet in etwa: Der menschliche Organismus braucht Säuren und Basen, stellt sie auch selbst her und kann sie im Großen und Ganzen selbst gut handeln, der sog. Säure-Basen-Haushalt ist kein Problem, wenn man von medizinischen Notfällen und Kuriositäten absieht. Diese Sicht ist im Wesentlichen zutreffend und wir sollten sie uns immer mal wieder vor Augen halten, bevor wir uns etwa den Säure-Basen-Haushalt zum einzigen Dreh- und Angelpunkt von Heilung erklären lassen. Aber vielleicht täte der Sicht etwas ganzheitliche Ergänzung gut.

Es gibt auch einige wenige Hochschulmediziner und Ernährungswissenschaftler, die das befürworten würden, denn auch nach Ihrem Kenntnisstand kann eine chronische Übersäuerung des Organismus zu Knochenschwund und Nierensteinen beitragen. Darüber hinaus wird sie mit einer ganzen Reihe von Gesundheitsproblemen in Verbindung gebracht: chronische Müdigkeit und Leistungsschwäche, Kopfschmerzen, Rheuma, Störungen des Immunsystems und sogar Depressionen.

Und was kann man dagegen tun? Eventuell würde es helfen, die Leistungsfähigkeit von Leber und Niere zu verbessern, um die Selbstregulation auch in diesem Bereich zu unterstützen. Wahrscheinlich hilft auch maßvolle körperliche Aktivität, denn bei Sport und Bewegung wird zum einen über verstärkte Atmung kurzfristig Säure abgeatmet, zum andern begünstigt die vermehrte Sauerstoffaufnahme basenbildende Stoffwechselprozesse.

Die bedeutendste Maßnahme scheint aber nach wie vor, eine den relativen Basenüberschuss begünstigende Ernährung zu sein. Allerdings, wie eine solche Ernährung aussieht, auch da gehen die Meinungen der (oft selbst ernannten) Experten auseinander. Ich befasse mich seit 30 Jahren immer mal wieder mit dem Thema und versuche hier darzustellen, was mir plausibel erscheint.  Vorneweg noch der Hinweis, dass man säure- oder basenbildende Lebensmittel nicht am Geschmack erkennt – und auch nicht daran, ob sich nach dem Essen Sodbrennen einstellt. Die Magensäure ist jedenfalls lebensnotwendig und es ist keine gute Idee, sie dauerhaft zu unterdrücken; ein ganz eigenes, anderes Thema!

Tierisches Eiweiß, also Fleisch, Wurst und Käse, ist unbestritten der Hauptverursacher von Säureüberschüssen im Organismus. Tierisches Eiweiß wird aufgrund der schwefelhaltigen Aminosäuren sauer verstoffwechselt. Allein deshalb ist eine vegetarisch betonte Kost auch unter Säure-Basen-Aspekten zu empfehlen. Studien mit Teilnehmern an eiweißreichen Diäten (Low Carb) ergaben, dass die Übersäuerung im Laufe der Zeit zunimmt. Das entspricht auch einer historischen Perspektive:  Schon in früheren Zeiten schon Rheuma, Gicht, Arteriosklerose usw. – jedoch vor allem bei jenen gehobenen Schichten, die gerne und reichlich dem Fleisch (und dem Alkohol) zusprachen.

Allerdings kann sich eine Ernährung mit viel Käse, vor allem Hartkäse (Edamer, Gouda, Emmentaler, Parmesan etc.) und Schmelzkäse, genauso negativ auswirken wie eine fleischbetonte Kost! Das wird häufig übersehen. Milch selbst ist zwar etwa neutral, viele Milchprodukte aber wirken je nach Höhe des Eiweißanteils säurebildend: Sahne und Yoghurt kaum, dagegen Quark stark. Dagegen ist pflanzliches Eiweiß, z. B. in Form von Hülsenfrüchten, nur schwach säurebildend, Sojaprodukte, auch in konzentrierter Form (Tofu), wirken sogar leicht basenbildend. Grüne Bohnen führen ebenfalls zum erwünschten Basenüberschuss.

Der effektivste Basenbildner ist Gemüse. Alle Arten von Gemüse führen zu einem basischen Ausgleich, einige mehr, andere weniger. Allerdings ist kein Gemüse derart stark basenbildend (gemessen auf 100 g Gemüse) wie eine entsprechende Menge Fleisch, Wurst oder Käse säurebildend ist. Lediglich Spinat könnte da mithalten, diesen soll man aber aufgrund des Oxalatgehalts nicht in größeren Mengen regelmäßig verzehren. Daraus resultiert die bekannte 80/20-Formel: Man soll 4-mal soviel basenbildendes Gemüse essen wie die Mengen an Säurebildnern, die man aufnimmt.

Etwas komplizierter ist die Lage beim Obst. In einem intakten Stoffwechsel und sofern Obst gut vertragen wird (keine Unverträglichkeiten vorliegen) werden die Obstsäuren oxidiert und die Mineralstoffe aus dem Obst können sich basenbildend auswirken. Ist dies nicht der Fall, verbleiben die Säuren im Organismus, der Urin wird zwar dennoch basischer, aber die Mineralstoffe dafür werden dem Organismus geraubt. An diesem Paradox sieht man schon, dass auch die Urin-Test-Streifen nicht die ganze Wahrheit verraten.

Beim Getreide könnte dies noch mehr der Fall sein: Die Mehrheit derer, die sich zum Säuren-Basen-Haushalt äußern stufen Getreide und Getreideprodukte als säurebildend ein und berufen sich u.a. auf die Teststreifen. Der Verzehr von Getreide führt tatsächlich zu einer renalen Säurelast (= die Niere scheidet mehr Säuren aus). Eine Minderheit von Säure-Basen-Experten meint, die kann auch Entsäuerung signalisieren: Wenn Säure über den Urin ausgeschieden wird, ist dies möglicherweise ein Zeichen dafür, dass etwas geschieht, worauf der Körper nur gewartet hat (Säure loszuwerden) – unter anderem dank Getreide.

Doch selbst wenn man jenen Autoren folgen würde, die Getreide für säuernd halten, muss man doch sagen: nur mäßig säuernd im Vergleich etwa zu Fleisch, Wurst und Käse! Befürworter des Getreides haben im Übrigen darauf hingewiesen, dass die Bekömmlichkeit und möglicherweise auch das Säure- oder Basenpotential von Getreide vom ausreichenden Kauen abhängt. Richtig ist zumindest, dass beim Kauen basischer Speichel freigesetzt wird. Vollgetreide hat eine insgesamt so positive Bedeutung für eine gesunde Ernährung, dass – unabhängig von einem möglicherweise leicht säuernden Charakter (den wir mit Jörgensen bezweifeln) – nicht zum Verzicht geraten werden sollte! Eine getreidebetonte Kost ist als Basiskost durchaus geeignet, sofern die Getreidearten individuell vertragen werden. Ich gehe hier z.B. von gekochtem Vollreis oder Hirse als Basisgetreide aus (also nicht von einem hohen Weizenanteil).

Wie steht es mit Kaffee und Zucker? Die Säureausscheidung über den Urin nach Zuckerkonsum ist gleich null, nach Kaffeekonsum wird der Urin gar basisch. Interessanterweise stuft aber selbst die Mehrheit jener Experten und Autoren, die sich beim Getreide auf die renale Säurelast berufen, Kaffee und Zucker als eindeutige Säurebildner ein. Da sollen auf einmal die Urinwerte nicht maßgeblich sein. Man beruft sich auf Erfahrung (!) und darauf, was im Stoffwechsel innen alles passiert, obwohl der Urin nicht saurer wird. Vielleicht könnte man ja auch einfach sagen: „Säure- oder basenbildend ist nicht das einzig wichtige Kriterium für eine gesunde Ernährung.“

Sabine Wacker, die den Begriff „Basenfasten“ geprägt hat – Verzicht auf säurebildende Lebensmittel für einen begrenzten Zeitraum –, unterscheidet zwischen „guten“ und „schlechten“ Säurebildnern. Lebensmittel, die Säure bilden, aber aufgrund ihrer Vitalstoffe für den Organismus wichtig sind (Vollgetreide und Nüsse), darf man nicht nur, sondern man soll sie sogar verzehren. Ihre Säureeffekte müssten eben durch andere Lebensmittel ausgeglichen werden. Ich halte dies für eine pragmatische Lösung, die eben beinhaltet, dass es neben „säurebildend“ und „basenbildend“ noch andere wichtige Kriterien gibt.

Text: © Christoph Wagner

Foto: © Marion Beraudias auf Pixabay

Guter Appetit: Alles andere als ein Luxusproblem! (Tipp des Monats)

Appetit klingt attraktiv, vielleicht aber auch nach Luxus, dabei handelt es sich um ein äußerst wichtiges Vitalphänomen, also eine Lebenserscheinung. Daher ist die bei der ärztlichen Anamnese oft scheinbar nebenher gestellte Frage– „Und wie schaut’s mit dem Appetit aus?“ – keinesfalls eine Lappalie.

Zunächst wird mit Appetit ein lustvolles Verlangen auf Nahrung, oft auf spezielle Nahrungsmittel oder Zubereitungen bezeichnet. Im Zusammenhang mit „lustvoll“ mag interessant sein, dass die Appetitlosigkeit, im Fachjargon Inappetenz, außer in Bezug aufs Essen in der Medizin und Psychologie noch in Bezug auf Sex vorkommt, als sexuelle Inappetenz, u.a. ein Zeichen für Depressionen. Zwischen Gemütslage und Appetit gibt es wichtige Verbindungen: Im Rahmen von depressiven Episoden kann massiver Appetit- und in der Folge dramatischer Gewichtsverlust auftreten, dies ist dann keinesfalls Anzeichen einer Essstörung, sondern Hinweis auf das Ausmaß der Depression.

Mangelnder Appetit kann viele Ursachen haben, von schwerwiegenden Erkrankungen über Geruchs- und Geschmacksstörungen bis hin zum „normalen“ Alterungsprozess, dem in Bezug auf den Appetit eine gewisse biologische „Weisheit“ unterstellt wird: Der Appetit bildet sich zurück, denn mit zunehmendem Alter bewegt sich der Menschen weniger und sollte daher auch weniger essen. Aber gerade bei alten Menschen können wir beobachten, wie sehr der Appetit mit der Gemütslage korrespondiert: Der Appetit auf Lebensmittel und Speisen ist häufig ein Zeichen für den Appetit auf Leben überhaupt. Mit anderen Worten, solange der Senior noch mit erkennbarem Appetit isst, besteht noch Lebenswille.

Appetit und Gemüt, da besteht eine teils dramatische Wechselwirkung. Aus Studien zu „Appetitzüglern“, also Schlankheitspillen und Abnehmspritzen, weiß man, dass die Hemmung des Appetits zu einer Hemmung der Lebensqualität und Lebensfreude führen kann, die Betroffenen also trotz deutlich sinkendem Gewicht (worauf sie immer gehofft hatten!) nicht fröhlicher, sondern depressiver werden und sich schlechter psychisch regulieren können, bis hin zu Selbstverletzungspraktiken und einer gesteigerten Suizidalität. Kritiker, die die Geschichte der Abnehm-Medikamente beleuchten, werfen der Pharmaindustrie Vertuschung vieler Suizide vor, die teilweise selbst in den Studien aufgetreten sein sollen.

(Nicht nur) Psychotherapie dient dazu, den Appetit auf Leben wieder zu entdecken oder zu steigern. Das klingt zwar zunächst gut, ist aber nicht ganz ungefährlich: Menschen, die diesen „Appetit“ (wieder) entdecken, wenn sich die depressive Glocke über den Gefühlen und Bedürfnissen hebt und sie ein besseres Leben für möglich oder gar wahrscheinlich halten, können für ihre Kollegen, Arbeitgeber, Partner und Angehörigen zum Risiko werden, und auch für sich selbst, wenn sich dieser Appetit im Alltag nicht befriedigen lässt. Nun aber zurück zum Appetit auf Essen bzw. zum Appetitmangel:

In der Ganzheitsmedizin gibt es eine Reihe von Tipps zur Anregung oder Steigerung des Appetits, bekannt sind die Bittertropfen in vielen Varianten, wo bei man hier mal wieder eindringlich daraufhin weisen muss, dass die Dosis entscheidend ist – zu viel kann den Appetit erst recht abwürgen. Besser wäre auf Dauer ohnehin, mehr bittere Gemüse wie Artischocke, Chicoree oder Radicchio in den Speiseplan zu integrieren. Manchen hilft auch sauer eingelegtes Gemüse oder sauer mariniertes Eiweiß (Fleisch, Tofu o.ä.). Was Appetit auslöst, ist also auch individuell und je nach Lebensphase verschieden – ein Phänomen, das aus vielen Schwangerschaften bekannt ist.

In den letzten Jahren ist der Ingwer als Allheilmittel (u.a. auch fürs Immunsystem) immer beliebter geworden, tatsächlich passt er auch hierher, er hilft sowohl der Übelkeit ab und regt auch den Appetit an. Aber, apropos Übelkeit: Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gesetzt (um Dr. V. Schmiedel zu zitieren). Bei anhaltender Übelkeit handelt es sich nicht um Mangel an Appetit, da müssen zunächst die möglichen Ursachen geprüft werden, bevor man irgendwie „herumdoktert“. Wenn Übelkeit auf Medikamente zurückgeht – in extremer Form bei der Chemotherapie – braucht es Konzepte, also mehr als nur Bittertropfen. Es gibt ja nicht nur Medikamente, die als Nebenwirkung Übelkeit haben z.B. auch Säureblocker oder Antibiotika), sondern auch Medikamente gegen Übelkeit wie Antihistaminika oder Antiemetika (z.B. Metoclopramid); nichts, was man den Rest des Lebens einnehmen möchte oder dürfte, aber manchmal auch nötig.

Nicht zuletzt sollte man aber auch an die anderen beiden Standbeine der klassischen naturheilkundlichen Trias (Ernährung, Bewegung, Entspannung) denken. Bewegung und Entspannung helfen dem Appetit auf die Sprünge, gerade auch dann, wenn der Appetitmangel im weitesten Sinne mit „Stress“ zu tun hat (Arbeitsstress, aber auch Trauer, Aufregung, Angst, Sorge und Kummer). Es braucht eine Reduktion des Stresslevels von beiden Seiten: Wie wir den Stress generell besser in den Griff bekommen und wie wir mit den akuten Stress-Spitzen umgehen. Es klingt immer so unspektakulär und daher vielleicht wenig durchschlagskräftig, aber das täuscht: Bewegung und Entspannung sorgen oft für durchschlagenden Erfolg.

Zuletzt erinnern wir uns aber daran, dass manche Menschen bei Stress mehr „Appetit“ zeigen, von regelrechten Fressattacken geplagt werden und zunehmend mit Übergewicht zu kämpfen haben. Daher habe ich den Appetit hier in Gänsefüßchen gesetzt, denn emotionaler Hunger und Essen als Ersatzbefriedigung eher wenig mit echtem Appetit zu tun haben. Deshalb sollte man diesem Problem auch nicht mit Appetitzüglern, egal ob als Pille oder Spritze, auf den Leib rücken, sondern mit alternativen Strategien zum Umgang mit emotionalem Stress. Leicht gesagt, ich weiß. Alles beginnt damit, dass wir der Realität ins Auge blicken und nicht – wie der Franke manchmal – „bassd scho“ sagen, wenn nichts mehr passt!

Text: Christoph Wagner, NHV-Vors.

Bild: Tania van den Berghen auf Pixabay

Sie schlafen nicht zu wenig, sondern … Tipp des Monats zu Schlafstörungen

Bild: Tiere können problemlos 16 oder 18 Stunden pro Tag schlafen, für den Menschen ist manchmal schon die Hälfte zu viel.

Sie schlafen nicht zu wenig, sondern sie sind zu lang im Bett!

Ja, wer hört das schon gerne? Ich hatte mich bereits vor drei Jahren zum Thema Schlaf in meinem Praxis-Blog geäußert, aber das Thema ist ständig so aktuell (und die Einsicht der Betroffenen häufig spontan so gering), dass ich gerne nochmals dazu aufkläre.

(Hinweis: Ich beziehe mich hier vor allem auf Patient:innen aus meiner eigenen „typischen“ Klientel, also solche mit Depressionen, Angststörungen und Schmerzsyndromen. Falls Sie jetzt einwenden, das wäre vielleicht nur ein kleiner Teil der Betroffenen, möchte ich entgegnen: Auch unter den anderen Patient:innen, die z.B. eine Naturheilpraxis aufsuchen, sind viele, die nicht wahrhaben wollen, dass ihre Schlafstörungen mit unterdrückten Ängsten und depressiven Verstimmungen zu tun haben, je älter, desto wahrscheinlicher.)

Schlaf ist die beste Medizin. Wie wahr. Neben Ernährung und Bewegung ist Schlaf (oder allgemeiner Regeneration) die dritte Säule der arzneimittelfreien klassischen Naturheilkunde. Man muss nicht einmal Ganzheitsmediziner sein für diese Erkenntnis: Schlafmangel und fehlender Schlafrhythmus begünstigen akute und chronischen Erkrankungen.

Nur: Das überproportionale Herumhängen im Bett oder auf dem Sofa bedeutet keinesfalls Regeneration. Weniger ist mehr. Das wirksamste Medikament gegen Schlafstörungen kostet nichts und ist frei von Nebenwirkungen. Das wirksamste „Medikament“, durch unzählige Studien belegt und auch in einigen Kliniken gezielt eingesetzt, ist der Schlafentzug bzw. die Schlafbegrenzung: Die Betreffenden gehen zunächst für eine deutlich kürzere Zeit ins Bett, als sie eigentlich als benötigte Schlafzeit angeben. In der Regel gehen sie deutlich später ins Bett. Die Selbstregulation des Organismus ermöglicht schon nach kurzer Zeit einen effektiven Schlaf, dann kann die Schlafdauer Schritt für Schritt erhöht werden.

Was machen schlafgestörte Patient:innen häufig? Viele legen sich z.B. um 21 Uhr ins Bett, wenn sie anderntags um 7 Uhr aufstehen müssen. Kann das funktionieren? Nein. Also gibt es unruhige, schlaflose Stunden zwischendurch – in denen dann typischerweise eine sog. „Bedarfsmedikation“ eingenommen wird, das kann von niedrig dosierten Neuroleptika bis pflanzlichen Mitteln alles Mögliche sein. Gegen das Grundproblem helfen die Mittel nicht: Die Patienten würden eben gerne die Augen schließen, den Lebensschmerz betäuben, die inneren Stimmen zum Schweigen bringen und die Ängste loshaben.

Leider glauben nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern auch viele Ärztinnen und Ärzte, dass sich ausgeprägte Schlafstörungen „allein“ mit Schlafhygiene nicht erfolgreich behandeln lassen. Was daran stimmt: Wenn man unter Schlafhygiene nur die üblichen Maßnahmen versteht – wie Alkoholverzicht, regelmäßige Tages-Nacht-Struktur, tagsüber körperliche Aktivität, keine schwere Speisen vor der Nacht, nicht bis zur letzten Minute vor einem Bildschirm hängen usw. – dann ist dies zwar weiterhin sinnvoll, reicht aber oft nicht, wenn schon massive Schlafprobleme bestehen. Erst die Schlafbegrenzung als eine darüber hinausgehende, direkte Maßnahme hilft nachhaltig. (Besonders gut greift sie im Rahmen eines psychotherapeutischen Behandlungskonzepts, das die erwähnten tieferliegenden Themen aufgreift.).

Unter Betroffenen hält sich jedoch ziemlich hartnäckig die Illusion, es gäbe eine Abkürzung zur Seelenruhe, nämlich über Medikamente. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass ein beträchtlicher Teil dieser Menschen psychische Abhängigkeitsmuster haben und z.T. auch massive Erfahrungen mit Substanzabhängigkeiten (Alkohol, Medikamente, neuerdings vermehrt Cannabis). Der Griff nach der Pille liegt also nahe – bedeutet aber bestenfalls verlorene Zeit, schlimmstenfalls eine Gefahr für Leib und Leben.

Vorsicht: Drogen! Wirklich nachgewiesene schlaffördernde Wirkungen haben nur Benzodiazepine und sog. Z-Substanzen (die an den gleichen Rezeptoren wirken, aber anders). Beide sind ziemlich nebenwirkungsreich und machen binnen kürzester Zeit abhängig, d.h. auch die Wirkung lässt schon bald nach, was nach einer Dosissteigerung schreit – kommt Ihnen das bekannt vor? Drogen! „Benzos“ haben den Nachteil, dass man zwar schläft, aber sich anderntags gar nicht besonders erholt fühlt, höchstens erleichtert ist, überhaupt wieder schlafen zu „können“ bzw. ein paar Stunden nicht mit seinen Problemen konfrontiert zu sein. Z-Substanzen führen zwar nicht zu einem solch ausgeprägten Hang-Over, können aber Verwirrtheit und Halluzinationen tagsüber auslösen und nachts manchen Alptraum begünstigen.

Die Konsequenz: Finger weg! Offiziell und amtlich dürfen diese Medikamente maximal 4 Wochen angewendet werden. Viele Betroffene nehmen sie aber über Monate und Jahre ein. Und da die Entzugserscheinungen massiv sind …, wird weiter oder nach kurzem Entzugsversuch wieder eingenommen. Es braucht ärztliche Begleitung beim Absetzen – und Psychotherapie; dafür wiederum ist eine ausgeprägte Krankheitseinsicht und Therapiemotivation unerlässlich.

Typischerweise „schwören“ viele Patient:innen zu Beginn der Therapie: „Wenn ich wieder halbwegs normal schlafen würde, wäre ich nicht so depressiv und ängstlich.“ Es mag hilfreich sein, einem Teil von ihnen kurzfristig (!) Schlafmedikamente oder eben Antidepressiva mit einem Nebeneffekt auf Schlafneigung zu verordnen, in erster Linie aber auch dazu, um ihnen danach zu zeigen, dass es sich in der Regel andersrum verhält: Wenn Depressionen und Ängste sich bessern, werden auch die Schlafprobleme weniger.

Der Schlafentzug ist dabei nicht nur die effektivste „Medikation“ gegen Schlafstörungen, sondern nebenbei auch eine der besten psychotherapeutischen Maßnahmen, weil er den Patienten bewusst macht, welchen großen Einfluss sie selbst haben, das Ergebnis stärkt also ihr Selbstvertrauen, auch in den eigenen Körper.

„Herr Wagner, aber Sie sind doch auch Naturheilkundler. Halten Sie denn von pflanzlichen und homöopathischen Mitteln bei Schlafstörungen gar nichts?“ Jein. Genauer gesagt: Ich bin hin- und hergerissen. Der Vorteil pflanzlicher und homöopathischer Mittel ist, dass sie nicht abhängig machen. Außerdem ist ihr Nebenwirkungsprofil wesentlich harmloser. Sie wirken sanfter, daher sind sie mit einer gesunden Schlafhygiene eher vereinbar, d.h. sie können im Rahmen einer ganzheitlichen Behandlung schon einen Zusatzeffekt haben. Doch alleine (!) ist ihr Effekt bei schweren chronischen Schlafstörungen zu schwach, so dass die Patienten sich beklagen: „Das bringt bei mir nichts! Ich brauche etwas Richtiges …“ Man kann sich in der Tat mit diesen Mitteln nicht „abschießen“ wie mit Benzodiazepinen u.a. Psychopharmaka.

Also, nichts gegen Baldrian, Melisse, Lavendel, Hopfen und Passionsblume! Und doch, mein erster Rat würde lauten: „Warum versuchen Sie es nicht ganz und gar ohne etwas einzunehmen mit einem strikten Schlafhygieneplan, d.h. weniger Zeit im Bett zu verbringen?“ Dann kann bei Bedarf, also wenn mal ein einzelner Tag sehr stressig war oder die Aufregung vor dem nächsten Tag größer ist als sonst, immer noch etwas Pflanzliches hinzugenommen werden. Das wäre tatsächlich „Bedarfsmedikation“. Von dauerhafter Einnahme natürlicher Mittel halte ich dagegen nicht sehr viel. „Natürlich“ müsste vielmehr sein, dem Körper bei seiner Selbstregulation zu unterstützen. Ich habe schon etliche Patientinnen und Patienten diesbezüglich beraten, die mich hinterher mehr oder weniger entgeistert fragten: „Warum hat mir das bloß niemand früher gesagt?“

Hinweis: Das Absetzen von Arzneien kann zu schwerwiegenden Entzugserscheinungen mit unvorhersehbaren Folgen führen. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass weder in diesem noch in anderen Beiträgen des Blogs wastutdirgut.de dazu geraten wird, eigenmächtig Medikamente abzusetzen. Im Gegenteil rate ich auch und gerade bei Psychopharmaka zu Rücksprache mit einem Arzt und zu ärztlicher Begleitung.

Text: Christoph Wagner, 1. Vors. NHV Taunus

Foto: © Kavowo auf Pixabay

Mit Silber gegen Keime: Von KS und anderen Anwendungen (Tipp des Monats)

Gelegentlich werde ich gefragt, was ich von Kolloidalem Silber (KS) halte. Vor zehn, fünfzehn Jahren geschah dies noch häufiger. In der Regel frage ich dann nach, um welche Symptome es geht, für die der/die Betreffende sich Hilfe erhofft – und dann schauen wir nach Alternativen zu KS, die ich besser beurteilen kann. Wenn dann immer noch Interesse an KS besteht, hole ich ein bisschen weiter aus, auch weil Silber und Medizin ein spannendes Thema ist, selbst wenn der „Hype“ vorerst hinter uns zu liegen scheint.

Metalle wirken keimhemmend, das macht sich z.B. die Industrie bei Geräten etwa für den Krankenhaus- und Praxisbedarf zunutze. Oder der Zahnarzt, wenn er im Rahmen einer Zahnsanierung Amalgam durch Gold ersetzt: dann haben es „Karius und Baktus“ schwer. Kommen wir mal zum Silber – es gibt viele sinnvolle Anwendungen, vor allem äußerlich, etwa Silbercreme, die das Wachstum von unerwünschten Keimen hemmt, aber offenbar die natürliche Hautflora kaum beeinträchtigt, sondern eher die Hautberuhigung bei Rötungen begünstigt. Neben Cremes können z.B. auch Wäschestücke mit eingewebten Silberfäden diese Funktionen haben.

Silberionen greifen auf verschiedene Weise in die Existenz von Keimen ein. Vor allem blockieren sie bestimmte Enzyme innerhalb der Mikroorganismen. Dies macht man sich heute noch – oder wieder – in Küche und Haushalt zunutze: Spültücher mit einem Anteil an Silberfäden hemmen Bakterien und damit die Geruchsbildung, Wasserfilter werden mit Silber ausgerüstet, Kühlschrankinnenwände mit Silberbeschichtungen geschützt. Aquarien, Swimmingpools, Wassertanks für Wohnmobile usw. – es gibt eine Reihe von Anwendungen. Für Outdoor-Freaks und Abenteurer sind spezielle Reisesets mit Silber zur Wasserdesinfektion im Angebot. Selbst die Raumstation ISS nutzt Silber, um Keime in Schach zu halten.

In Krankenhäusern werden große Oberflächen mit Silberanteilen beschichtet, aber auch Katheter, Kanülen (z. B. Trachealkanülen zur Beatmung), Mundaufsätze und Infusionsnadeln. Manches „ganz normale“ Wundpflaster ist heute standardmäßig mit Silber ausgerüstet. Es gibt aber auch für schwer heilende, große, offene Wunden (z. B. bei Ulcus cruris) spezielle Auflagen mit Silberanteilen, die gegen Bakterien und Pilze wirken.

Allerdings wird teilweise auch vor entsprechenden Produkten gewarnt, vor allem wenn sie „prophylaktisch“ eingesetzt werden. Es geht dabei vor allem um Produkte, die mit Nanosilber, also Silber in kleinster Teilchenform ausgestattet sind. Umwelt- und Verbraucherverbände und auch das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) raten davon ab: „Nanosilber gehört nicht in Lebensmittel, Textilien und Kosmetika“. Zu viele Fragen betreffs der Wirkung im Körper seien noch ungeklärt. Last not least stellt Silber ein Problem für die Umwelt dar. Aus manchen Textilien wird das Silber bereits nach wenigen Wäschen zu 50 Prozent und mehr freigesetzt.

Was hat es nun mit dem kolloidalen Silber (KS) auf sich? Kolloidpartikel sind die kleinsten Teilchen, in die Materie zerlegt werden kann, ohne die elementaren Eigenschaften zu verlieren. KS wird klassischerweise durch Elektrolyse hergestellt: Dabei löst sich Silber von Silberstäben, die in Wasser stehen, durch das Strom geleitet wird. Bis Penicillin und andere Antibiotika in den 1920er und 1930er Jahren erfunden wurden, soll KS oder Silberwasser weltweit breit im Einsatz gewesen sein. Tatsächlich sind die Hauptwirkungen keimhemmend und antientzündlich. Daraus ergibt sich eine Fülle von Anwendungsmöglichkeiten, äußerlich und innerlich: Pilzerkrankungen, Schnittwunden, Insektenstiche, Verbrennungen, Zahnfleischentzündungen, Erkältungen, verschiedenste Infektionen.

Es gibt Studien dazu, allerdings wird KS dabei oft in Kombination mit anderen Stoffen eingesetzt, so dass schwer zu sagen ist, welcher Anteil der Effekte auf KS zurückzuführen ist. Die Wirkung ist also nicht wirklich „bewiesen“, sondern eher „plausibel“, aber viele Details sind ungeklärt. Dies betrifft auch mögliche Nebenwirkungen. Die bekannteste ist die Argyrie, eine schiefergraue Verfärbung der Haut durch Silbereinlagerungen. Sie kommt aber relativ selten vor – bei längerer Einnahme höherer Dosen – und stellt außerdem in erster Linie ein kosmetisches Problem dar. In der weltweit am häufigsten empfohlenen Konzentration von 5 ppm KS (5 Parts pro Million, d. h. 5 Teile Silber auf eine Million Teile Wasser) wird KS vermutlich problemlos vertragen.

Neben der Argyrie wurden vereinzelt Geschmacks- und Geruchsstörungen beschrieben. Und dann gibt es noch Fragen, inwieweit KS die physiologische Darmflora schädigen kann. Da gehen die Meinungen und Praktiken auseinander: Während manche Anwender raten, nach längerer Anwendung von KS etwas Gutes für die Darmflora zu tun (mit Joghurt oder Keimpräparaten), versichern andere, KS greife vor allem unerwünschte Pilze (Candida) und Bakterien an und sei durchaus gut für die Darmflora. Vermutlich ist auch hier alles eine Frage der Dosis, aber wie bestimmt man diese?

Der Ganzheitsmediziner Dr. med. Ingfried Hobert hat vor rund 20 Jahren KS in der Zeitschrift „Naturarzt“ nahezu euphorisch vorgestellt. Damals war er von einer Reise aus Australien zurückgekehrt, wo er KS kennen- und schätzen gelernt hatte. Doch schon einige Jahre später sah er es skeptischer: Auf Reisen nehme er weiterhin eine Batterie und Silberstäbe mit, um Trinkwasser zu entkeimen oder auch eine Halsentzündung zu behandeln. Bei Patienten empfehle er es allerdings nur bei Borreliose, Pfeifferschem Drüsenfieber oder unklaren Infektionskrankheiten, sofern (!) man anderweitig therapeutisch nicht weiterkomme.

Ein Problem mit dem Silberwasser besteht auch darin, dass es relativ bald an Wirksamkeit verliert. Vor allem nach der Öffnung bzw. dem Kontakt mit Luft lässt die Wirksamkeit bald nach (das Silber reagiert mit dem Schwefelwasserstoff in der Luft). Demnach wäre die Eigenherstellung bei akuten Bedarf besser. Hier weiß man jedoch von zahlreichen Betroffenen, dass es nicht immer so klappt wie erwünscht oder die Kunden mit den Geräten nicht zurechtkommen. Außerdem ist die genaue Konzentration des Silbers dabei oft nicht feststellbar – mit Blick auf Wirkung und Nebenwirkung nicht gerade ideal.

Summa summarum: Die Naturheilkunde bietet zahlreiche Mittel für die Indikationen, bei denen KS empfohlen wird – antibiotische, antientzündliche und wundheilende Pflanzen wie Calendula (z. B. in Kombination mit der immunstimulierenden Echinacea) oder Teebaumöl, daneben Propolis, Vitamin C und Vitamin D fürs Immunsystem, Knoblauch und andere. Manche sind zwar mit Nachteilen behaftet: Teebaumöl stinkt, Propolis färbt. Insofern könnte KS als Ergänzung der Hausapotheke dienen. Allerdings frage ich mich bei manchen Indikationen, ob es, angesichts des Preises für KS nicht ein einfaches „Wundspray“ auf der Basis von Wasser, Zink und Eisen „tut“, es kostet fast nichts (in der Drogerie), wirkt aber in vielen Fällen hervorragend. D.h. erstmal vielleicht gut und günstig anfangen, bevor man es komplex und teuer angeht.

Zum guten Schluss möchte ich homöopathische und anthroposophische Heilmittel mit Silber zumindest erwähnen: Deren Effekte beruhen, zumindest was die höheren Potenzen betrifft, auf einem eigenen Wirkmechanismus bzw. sofern es Schnittmengen zu KS & Co gibt, wäre das ein eigenes Kapitel.

© Text: Christoph Wagner, Vors. NHV Taunus; Foto: Brian Allen auf Pixabay

PS. Gerne nehmen wir Ihre Anregungen auf: Falls Sie als Anwender ganz andere Erfahrungen gemacht haben und bereit sind, dies mit ihrem Namen zu bezeugen, sind wir bereit, dies als Ergänzung des Beitrags nachträglich aufzunehmen.

Natürliche „Abführmittel“: Von Vollkornbrot, Reis & Co

Mit hundertprozentig naturheilkundlichen Tipps kann man die Leserschaft – oder als Heilpraktiker auch den Patientenstamm – ungewollt reduzieren. Denn Naturheilkunde pur würde bedeuten: gesund leben, dann braucht es so gut wie keine weiteren Hilfsmittel oder gar Medikamente. Naturheilkunde pur: Ernährung, Bewegung, Entspannung. Das ist alles? Erfahrungsgemäß beendet an dieser Stelle schon ein Großteil der Leserinnen und Leser die Lektüre. „Kenn ich schon, hab‘ ich schon probiert.“ Bleiben Sie noch ein bisschen, ich bemühe mich auch, nicht zu puristisch zu sein.

Wer jemals mit Verstopfung zu tun hat, kennt längst die Bedeutung von Ernährung (Ballaststoffe sind das A & O), Bewegung (mäßiger Sport hilft gegen Darmträgheit) und auch von Entspannung: Wenn ich mir nicht die Zeit nehme für Stuhlgang, etwa weil die Termine oder allgemein die Arbeitsbedingungen es kaum zulassen, ärgere ich mich hinterher über meine Verstopfung.

Das Thema scheint banal, weil es irgendwie jeder kennt und damit umgeht. Und es ist riesig. Hier beschränke ich mich auf ein paar sehr persönliche Tipps, die helfen könnten, wenn das mit dem gesunden Leben gerade nicht so richtig klappt, aus welchen Gründen auch immer. Auf Dauer sollten wir aber schon zum gesunden Lebensstil zurückfinden und es uns wert sein, dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen.

Mag sein, dass die Einnahme von Ballaststoffen allein nicht reicht, aber ohne Ballaststoffe in der Ernährung geht es mit Verdauung und Stuhlgang definitiv viel schwieriger. Eine Scheibe Vollkornbrot und eine Schale Müsli sind insofern immer noch eine gute Sache! Wer unter Glutenunverträglichkeit leidet oder mit beiden genannten Lebensmitteln nichts anfangen will, für den gibt es noch die Brei-Variante zum Frühstück (Hafer, Buchweizen, Hirse, Amaranth etc.) und mittags einfach gekochten Vollkornreis. Gerade zum Herbst hin bzw. auch im Winter ist der warme Brei für viele angenehmer und auch lecker (wenn man sich über evtl. bestehende unangenehme Kindheitserinnerungen hinweggesetzt hat). Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Wir haben jahrelang schwerpunktmäßig Vollkornreis und Gemüse gegessen (nicht nur zum Mittagessen), ich hatte keinerlei Verdauungsbeschwerden oder Stuhlgangprobleme – verstehe aber, wenn jemand diese „Diät“ nicht auf Dauer für erstrebenswert hält. Dann muss man sich oft doch auf die Suche nach Tricks begeben …

Aus Getreide isolierte Ballaststoffe, also Kleie, gelten allgemein als auf Dauer problematisch, weil darmreizend. Ich habe eine Zeit lang Reiskleie verwendet, sie schien mir verträglicher und auch weil sie (wie Haferkleie) den Cholesterinspiegel senken hilft. Aber es gab sie damals nicht in „Bio“, das war mir dann doch suspekt. Tja, wenn man genug (Vollkorn)Reis ist (essen täte), hat (hätte) man diese Sorgen ohnehin nicht 🙂

Ich bin ein Fan von Leinsamen-Schleim: gemahlene Leinsamen in Wasser geben, das Gel, das sich bildet, kann abgesiebt werden und hilft bei Magenreizung. Aber die geschroteten Kerne für die Darmaktivierung zu nutzen, das habe ich mangels Verträglichkeit aufgegeben. Das muss man individuell ausprobieren. Apropos ausprobieren: Wenn, dann richtig – bei Ballaststoffeinnahme muss man viel trinken!

Modernere isolierte Ballaststoffe wie Inulin & Co. vertrage ich noch weniger. Es gibt aber Fans, die darauf schwören.

Eine Maßnahme mit doppeltem Nutzen könnte eingeweichtes Trockenobst, am Abend eingenommen, sein: Es bindet Flüssigkeit im Darm, was dazu führt, dass wir etwas weniger Harndrang verspüren (je älter, desto besser klingt dieser Tipp), und das zusätzliche Wasser hilft auch der Stuhlkonsistenz und dem Stuhldrang. Möglicherweise spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle (Kalium vielleicht). Ich mag Trockenobst pur gar nicht, kann es nur im Müsli kleingehackt als Süße tolerieren (oder im Kuchen :-)), insofern wäre das abends nichts für mich, aber ich habe es schon mit Erfolg bzw. guter Rückmeldung empfohlen.

Viele schwören auf Sauerkraut und/oder Apfelessig. Zwei, drei Gabeln Sauerkraut mag ich auch gern, das scheint aber nicht die nötige Menge zu sein, und bei mehr bekomme ich Blähungen. Ich nehme statt Apfelessig morgens einen Esslöffel Zitronensaft (gibt es günstig in Bio-Qualität) auf ein Glas Wasser. Warum die zusätzliche Säure den Stuhlmechanismus begünstigt, so genau weiß man es nicht. Am Vitamin C könnte es nur dann liegen, wenn die Dosis viel höher wäre.

Tatsächlich nehme ich öfters höhere Dosen Vitamin C (1000 mg/Tag), in erster Linie zur Infektprophylaxe oder -bekämpfung, aber ein Nebeneffekt kann sein, und den nehme ich gerne in Kauf, dass der Körper das zuviel angebotene Vitamin aktiv durch Stuhlgang ausscheidet. Da dies eine gewisse Reizung ist, wird davon abgeraten, es ständig oder sozusagen lebenslang zu praktizieren.

Auch Magnesium ist eine nebenwirkungsarme Option, den Stuhlgang sanft zu erzwingen – und ähnlich sinnvoll wie beim Vitamin C, da die meisten Menschen hierzulande eher zu niedrige Magnesiumspiegel aufweisen. Richtig gesund erscheint mir das aber auch nicht, wenn man das ein Leben lang so praktizieren wollte. Da bin ich eben doch ein konservativer Naturheilkundler, der sich nicht vorstellen kann, dass sich „der liebe Gott“ die Sache so ausgedacht haben soll.

Und als solcher Naturheilkundler gebe ich gerne noch eine andere sehr allgemeine, aber wahre Botschaft mit: Unser Problem ist häufig nicht der Mangel an irgendwelchen Nährstoffen, sondern der Überschuss an anderen! D.h. wir sollten nicht nur an die Dinge denken, die wir einnehmen könnten, sondern auch an jene, die man vielleicht mal weglassen sollte, z.B. stopfende Nahrungs- und Genussmittel wie Schokolade. Süßigkeiten sollen grundsätzlich die Darmtätigkeit beeinträchtigen, Zucker „lähmt“ den Darm. Aber auch von Chips und Flips wird abgeraten wegen des hohen Salzgehalts.

Apropos Salz: Ein einfacher Trick, morgens den Stuhlgang anzuregen, ist das Glas Salzwasser. Schließlich funktionieren auch die flüssigen Passagetrinks, die beim Fasten genommen werden, aus Salzbasis. Nur ist die tägliche Zufuhr von Salz nicht unproblematisch, etwa in Bezug auf den Blutdruck.

Bitterstoffe regen den Verdauungsprozess und damit den Stuhlgang ebenfalls an. Vermutlich wirkt daher bei Menschen, die selten Kaffee trinken, eine Tasse davon schon abführend. Dummerweise kann sich der Organismus an vieles gewöhnen, d.h. auch der Kaffeetrinker kennt Verstopfung. An richtige Abführmittel, egal ob synthetisch oder pflanzlich, sollten wir den Organismus gar nicht gewöhnen, da wir so einen natürlichen Mechanismus nachhaltig schädigen.

Also sollten wir doch darauf achten, dass unsere Gewohnheiten gesund sind. Vielleicht etwas mehr Bewegung? (Mäßig wohlgemerkt, Extremsport schadet der Verdauung, kann auch zu Verstopfung führen.) Vielleicht für mehr Entspannungsphasen sorgen und evtl. regelmäßige Zeiten auch dem auf Rhythmus angewiesenen Verdauungsprozess eine größere Chance zu verschaffen, es natürlich hinzubekommen? Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Jaja, aber sowas schreibt sich leicht dahin. Danke, dass Sie bis hierhin gelesen haben. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

 

PS. Warnhinweis: Verstopfung (Obstipation) kann viele, auch gravierende medizinische Ursachen haben. Die Tipps an dieser Stelle haben nur allgemeinen Charakter und können den Besuch bei Arzt oder HP nicht ersetzen. „Doktern“ Sie nicht zu sehr an etwas herum, das Sie nicht einschätzen können!

 

Bild: von 1195798 auf © Pixabay

Ein langes Leben oder das rechte Maß

Soldaten haben wir viel in Sachen Lebensverlängerung zu verdanken – ich bin Kriegsdienstverweigerer –, vor allem etliche gut gemachte Gesundheitsstudien. Zuletzt hat das sogenannte Million Veteran Program, das ist die Auswertung der Gesundheitsdaten von mehr als 700.000 ehemaligen US-Militärangehörigen, für Aufsehen gesorgt: mit Schlagzeilen wie „20 bis 25 Jahre länger leben“. Dabei ist diese Botschaft eher eine Umkehrung der Studienergebnisse, die in erster Linie Hinweise darauf geben, wie man sein Leben effektiv verkürzt (!), nämlich vor allem mit geringer körperlicher Aktivität, mit Rauchen und der Abhängigkeit von Opioid-Schmerzmitteln, ein in den USA verbreitetes Problem; man kann davon ausgehen, dass auch bei uns die Abhängigkeit von Schmerzmitteln und anderen Medikamenten die Lebenserwartung drastisch begrenzt. Medikamente sind in den „hoch entwickelten“ Ländern die dritt häufigste Todesursache. (Aber lesen Sie das bitte nicht als Empfehlung, sofort und eigenmächtig Ihre Medikamente abzusetzen, auch das kann krass lebensverkürzend wirken.) Neben diesen Faktoren zeigten hoher Alkoholkonsum, schlechter Umgang mit Stress, mangelnde Schlafhygiene und ungesunde Ernährung eine starke lebensverkürzende Wirkung.

Mit der Frage, wie sich die Lebensspanne verlängern lässt, beschäftigen sich Medizin und Philosophie seit Menschengedenken. Im alten Griechenland gab es dafür die Lehre der Diätetik – die keinesfalls nur mit Ernährung (also Diät) zu tun hatte, sondern mit der Lehre vom rechten Maß. Den Begriff „Makrobiotik“ hatte schon Hippokrates von Kos (460-370 v.Chr.), der Begründer der Medizin als Wissenschaft, für Methoden der Lebensführung, die zur Langlebigkeit beitragen, verwendet.

In Europa wurde der Begriff um 1800 wieder aufgegriffen und nahezu populär gemacht, als Christoph W. Hufeland (1762-1836), der bekannteste Arzt der Goethe- und Aufklärungszeit, seinem Hauptwerk von 1796 diesen Titel gab: „Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“.  Er war nach langjährigem Studium vieler Berichte zu dem Schluss gekommen, dass ein Alter von 150 Jahren, bei günstigen Voraussetzungen sogar von 200 Jahren, prinzipiell möglich sei. Hui! In der Folgezeit ist die Medizin bescheidener geworden.

In den rund drei Jahrzehnten, in denen ich mich mit Naturheilkunde befasse, bin ich immer wieder auf die These von Medizinern und Wissenschaftlern gestoßen, 120 Jahre seien ohne Weiteres möglich, wie gesagt: allein durch gesunde Lebensführung (und bei einer entsprechenden Veranlagung), d.h. ohne genetische Tricks, die irgendwann die Grenzen verschieben könnten. Ich habe aber in dieser Zeit auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sich die wenigsten Menschen hierzulande für ein so langes Leben (120 Jahre) interessieren, schon gar nicht, wenn sie dafür auf etwas verzichten müssten. Verstehen Sie dies und das Folgende bitte nicht als moralische Wertung.

Interessanter Weise verbinden viele Menschen gerade mit extremen Genüssen die Lebensfreude – und wenn man ihnen rät, die Extreme zu meiden oder zu reduzieren, erleben sie das so, als wollte man ihnen Lebensfreude nehmen. Da die Extreme aber, wie Hufeland sich ausrückte, die Lebenskraft auslaugen, schmälern sie auf Dauer auch die Lebensfreude. Ein Beispiel: Jemand, der reichlich Fleisch und Alkohol sowie vielleicht auch Süßigkeiten oder Softdrinks zu sich nimmt, spürt zwar direkt dabei und danach eine stimulierende Wirkung, insgesamt ist aber sein Stoffwechsel dauerhaft so überlastet, dass er keine solide Basis für Wohlbefinden und Lebensfreude bieten kann. In der gleichen Zeitungsausgabe, in der ich kürzlich über das Million Veteran Program las, fand sich eine Randnotiz unter „Aus aller Welt“ (aha), dass Starkoch Johann Lafer auf vegetarisch betonte Koste umgestiegen sei, nachdem ihn Arthrose und Gelenkschmerzen zum Umdenken gezwungen hätten. Da geht es also nicht unbedingt um das lange Leben, sondern einfach darum, wieder mehr Lebensqualität zu erlangen.

Einen Weg der Mitte zu beschreiben das war und ist letztlich das Bestreben aller diätetischen Lehren: das rechte Maß zu formulieren, den goldenen Mittelweg zu beschreiben – von Hippokrates über Hildegard von Bingen bis zu Hufeland und Kneipp. Bei den Beispielen von höchstem Alter ist Hufeland oft eine Art von Diät oder Fasten aufgefallen, die meisten hätten sich vor allem an eine pflanzliche Kost gehalten und insbesondere den Branntwein gemieden. Seine Tipps sind so unspektakulär, dass sie gerne überhört werden: „Die alte Regel bleibt also immer noch wahr: man höre auf zu essen, wenn man noch etwas essen könnte.“

Doch es geht all den genannten und ungenannten Diätetikern nicht nur um die Ernährung. Noch einmal Hufeland: Der Mensch könne sein Leben vor allem verlängern, indem er zurückhaltend beim Verbrauch der Lebenskraft sei – „das wichtigste Verlängerungsmittel“ – und indem er diese Kraft regenerieren helfe. Die Natur gebe uns die beste Anleitung dafür, wie sich exemplarisch am Schlaf zeige: „in dieser Pause liegt das größte Mittel zur Verlängerung“ des Lebens.

Auch dies klingt vielleicht banal. Diesen Einwand kannte schon Hufeland und konterte ihn: Ihm sei schon klar, dass von seinen Ratschlägen viele Ärzte, erst recht die Scharlatane mit ihren Wundermitteln und schließlich auch die „Verbraucher“ (würde man heute sagen) oder Patienten selbst nichts hören wollten. Die eine würden eben lieber etwas verschreiben oder verkaufen als vernünftige Medizin zu betreiben – und die anderen würden lieber etwas verschrieben bekommen oder kaufen.

Erfahrungsgemäß ist es kontraproduktiv, diätetische Beratung, sei es in Sachen Ernährung oder bei der gesunden Lebensführung, mit Moral zu verquicken. Wenn Klienten oder Patienten den Eindruck haben, sie sollen umerzogen werden, bewirkt man in der Regel das Gegenteil. Ein guter Berater oder Therapeut verbindet die Kritik am „System“ mit Verständnis für die, die darin leben und es immer neu erzeugen. Leichter gesagt als getan. Manchmal hilft die Selbsterkenntnis, dass es mit der eigenen „Makrobiotik“, dezent formuliert, auch nicht immer so weit her ist …

Text: © Christoph Wagner, www.wastutdirgut.de

Foto: © Gerd Altmann (geralt) auf Pixabay

 

Neue Termine: Singen für Jede(n) in Liederbach – auch in 2024

„Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen …“

Heilsames Singen mit Daniela Bucht (donnerstags, zweiwöchentlich)

Wir treffen uns zum Singen von herzöffnenden (deutschen, englischen und indischen) Liedern und Mantras. Jede/r kann sich dazu frei bewegen oder auch einfach den Stimmen und der Musik lauschen. Wie jedem gerade zumute ist. So können wir ganz bei uns selbst ankommen, mal durchatmen und doch freudig in Gemeinschaft sein. Wir sind eine fröhliche, wachsende Gruppe und ein Dazukommen ist jederzeit möglich. Wir freuen uns auf dich!

Wann: Donnerstag von 17.45 h – 19.00 h, meist 14-tägig (aktuelle Termine: siehe unten)

Wo: Gemeindezentrum Ritterwiesen 2, Liederbach

Beitrag: 5 € pro Abend

Kontakt: Daniela Bucht: 0170-9931577 oder www.DanielaBucht.de

Aktuelle Termine: 25.04.204, 09.05.2024*, 23.05.2024, 06.06.2024, 27.06.2024, 11.07.2024

* Am Donnerstag den 09.05.2024 (Feiertag) findet das Singen im Kelkheimer Wald statt. Treffpunkt bitte erfragen!

Zitrone: als bloßer Vitamin-C-Spender unterschätzt

Wer etwas mag, der hört gerne, dass es gesund ist, vielleicht kennen Sie das von Schokolade. Schokolade ist selbstredend nie gesund, beim Gesundheitsversprechen handelt es sich um eine gewünschte, pseudowissenschaftlich fundierte Legende. Wer die angeblich so tollen Mikronährstoffe aus Kakao aufnehmen möchte, sollte lieber Obst essen. Dummerweise bin ich persönlich kein großer Fan von Obst. Ausgerechnet (halb-)exotische Früchte wie Zitronen und Orangen haben es mir angetan (bei Bananen, Kirschen, Pfirsichen und Pflaumen nehme ich dagegen Reißaus). Daher liefere ich heute ein kleines Plädoyer für die Zitrone.

Dass die Zitrone viel Vitamin C enthält und daher das Immunsystem unterstützen soll, ist ein alter Hut. Weniger bekannt ist, dass Vitamin C auch die Eisenaufnahme verbessert, was die Sauerstoffversorgung der Zellen und damit die Leistungsfähigkeit des Organismus beeinflusst. Außerdem unterstützt Zitronensaft, genauer gesagt, die Säure aus der Zitrone, den Magen bei der Verdauung von Eiweiß und regt die Verdauung insgesamt an. Der Zitronensaft wirkt dabei aufgrund seines Mineralreichtums (Kalium, Kalzium, Magnesium) nicht (über)säuernd auf den Organismus, im Gegenteil neutralisiert er Säuren. Daher finden sich Bilder von Zitronen manchmal auf Ratgebern zur basisch betonten Ernährung.

Ein Glas Zitronensaft am frühen Morgen oder auch eine größere Menge stärker verdünntes Zitronenwasser, über den Tag verteilt getrunken, können Verdauungsbeschwerden und Verstopfung entgegenwirken. Nebenbei schmeckt dieses Wasser frischer und macht uns das Trinken im wahrsten Sinn des Wortes schmackhaft. Vermutlich bestimmt die Dosis auch hier, ob es Medizin oder „Gift“ sei (Paracelsus), also probieren Sie es aus, was Ihnen bekommt, bei der Mehrheit wird es vermutlich eine halbe bis ganze Zitrone täglich sein. (Vielleicht bekommt es Ihnen auch gar nicht, das hängt u.a. davon ab, was sie sonst noch zu sich nehmen. Es gibt kaum ein gesundes Lebensmittel, was für alle gesund wäre. Und falls es Ihnen nicht bekommt, nützt alle schöne Theorie nichts.)

Preisgünstig ist biologischer Zitronensaft in der Glasflasche, er hält sich im Kühlschrank i.d.R. drei Wochen (nicht zu verwechseln mit der biologischen Zitronensäure in den kleinen gelben Ballons, die zwar auch lebensmittelkonform ist, aber nicht die erwähnten Gesundheitseffekte hat). Die frische Bio-Frucht hat den Vorteil, dass man auch die Schale nutzen kann, die noch mehr Vitamin C als die Frucht, außerdem Pektine (für die Verdauung) und zusätzliche sekundäre Pflanzenstoffe (für Herz und Kreislauf) enthält, ideal für Smoothies,  Tee oder abgerieben und im Gefrierschrank aufbewahrt, als Aroma für viele Rezepte in der Küche.

Foto: © Rajesh Baluria auf Pixabay