Auf den Spuren der Hildegard von Bingen (Tipp des Monats Juni 2021)

Unser NHV-Frühsommerausflug 2020 sollte uns auf die Spuren der Hildegard von Bingen führen. Corona und Lockdown haben einen Strich durch die Planung gemacht. Und auch 2021 war nicht daran zu denken. Manchmal hat man geradezu den Eindruck, dass kaum noch jemand „freiwillig“ Busfahrten unternimmt. Anfang Juni meldete ein weiteres Busunternehmen in der Region Insolvenz an … Schade. Vielleicht holen wir es 2022 nach. Und vielleicht wollen Sie vorher schonmal einmal selbständig Hildegard-Spurensuche betreiben: in Bingen oder auf dem Disibodenberg. Im Tipp des Monats geht es daher diesmal um Hildegard-Medizin.

Für ihren Begründer Dr. med. Gottfried Hertzka (1913-1997) war „Dreh- und Angelpunkt“ dieser Heilkunde der Dinkel: eine Art Urform des Weizens. „Der Dinkel ist das beste Getreide“, schrieb die Äbtissin – vor fast 1000 Jahren. Seine bessere Verträglichkeit führt man heute darauf zurück, dass er nicht so überzüchtet ist wie der Weizen. Am Dinkel-Boom haben indirekt Hildegard von Bingen (1098-1179) und sehr direkt ihre moderne Wiederentdecker einen großen Anteil.

Die Hildegardküche hat Dr. Hertzka gezielt gegen die bis dahin in Deutschland unter Naturköstlern dominierende Rohkost profiliert, und da konnte er sich wohl zurecht auf Hildegard berufen. Der Mensch, schrieb sie, „muss Speisen zu sich nehmen, die zwischen kalt und warm recht temperiert sind“. Sogar Obst empfahl sie lediglich in Ausnahmefällen roh. Nur wer selbst über genügend Hitze verfüge, um seinen „Verdauungskochtopf“ zu befeuern, könne je nach Lage (z. B. Jahreszeit) auch Kaltes zu sich nehmen (das entspricht übrigens weitegehend den Ansichten der traditionellen chinesischen Medizin). Die Hildegard-Ernährung beruht im Wesentlichen auf gekochtem oder verarbeitetem  Getreide – vor allem dem Dinkel – und gedünstetem Gemüse. Auch Fleisch und Fisch sind in Maßen vertreten. Vollkorn ist bei vielen Hildegardmedizinern nicht besonders beliebt aufgrund der geringeren Bekömmlichkeit (das würde ich zwar so generell nicht unterschreiben, allerdings sind auch im 630- oder gar 1050-Dinkelmehl noch etliche Ballaststoffe) – auch dies war ein besonderer Akzent gegen die alte Vollwertlehre.

Hildegard-Ernährung ist typgerecht und individuell. Der Leitgedanke, dass man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren darf, ist bei Hildegard überall zu finden und meist anschaulich genug formuliert: Rettich z. B. „bekommt fetten Leuten gut, schwachen und mageren nicht.“ Immer berücksichtigt Hildegard die Veranlagung des Patienten, den aktuellen Zustand, die Tages- und Jahreszeit, das Lebensalter, die Arbeit und nicht zuletzt auch den Gemütszustand. Ausgiebig befasst sich Hildegard mit Tugenden und Lastern, wie sie sich auf die Gesundheit auswirken.

Die Ernährungslehre ist der am wenigsten umstrittene Teil der Hildegardmedizin: Es gibt sehr bekömmliche Koch- und Backrezepte, die heilende oder präventive Wirkung ist dabei durchaus plausibel. Ihr medizinisches Werk dagegen, ist stellenweise etwas schwer verdaulich. Ein Grund dafür: Nach dem Tod der Äbtissin 1179 verschwand ihre Heilkunde für Jahrhunderte. Manches wurde erst in den 1980er Jahren wiederentdeckt. Und seither gab es reichlich Interpretationsschwierigkeiten. Manches erscheint geradezu widersprüchlich. Außerdem gab es zu Hildegards Zeiten noch nicht das einheitliche botanische System der Zuordnung von Heilpflanzen. Ein Kraut konnte zehn oder zwanzig Namen tragen, aber umgekehrt konnte auch ein und derselbe Name ganz verschiedene Kräuter bedeuten.

Hildegards „Diagnosen“, die teilweise aus dem überlieferten System der antiken Humoralpathologie (Säftelehre) beruhten, sind nicht immer leicht nachzuvollziehen, obwohl der typgerechte Ansatz (warm vs. kalt, trocken vs. feucht) durchaus als modern gelten kann. Schön lesen sich ihre bildreichen Beschreibungen einer gesunden Lebensordnung: Lebenskraft erhalten und Seelenheil finden durch ein Leben im rechten Maß, und das mit Freude. Zentral dabei ist die Gesundheit der Seele – und da versteht man die Ausführungen vor allem im Kontext des christlichen Glaubens und des alten klösterlichen Ideals der Mäßigkeit bzw. des rechten Maßes.

Mit Hildegard bin ich immer wieder in Kontakt gekommen. Zuerst haben meine Eltern von einem Klosteraufenthalt in den 1980er Jahren Ideen und Schriften zur Hildegardmedizin mitgebracht. Später befasste ich mich als Heilpraktiker viel und immer wieder mit Ernährungsthemen, war dabei vom typgerechten Ansatz und dem zentralen Stellenwert der Bekömmlichkeit bei Hildegard überzeugt. Noch später hatte ich für einige Zeit nur 7 km entfernt vom Disibodenberg, dem ersten Kloster der Hildegard, meinen Zweitwohnsitz als Berufspendler. Ich war mehrfach vor Ort und kann verstehen, dass der Disibodenberg von geomantisch veranlagten Menschen als Kraftort bezeichnet wird.

Außerdem sind wir einige Zeit wiederholt am Schwarzwaldrand in der Nähe von Achern in Urlaub gewesen, dort gibt es zwar keine direkten Hildegard-Spuren, jedoch ein Reformhaus, welches traditionell sehr gut bestückt war mit Hildegardkräutern und Gewürzmischungen – Pulver für Magen und Darm, zum Fasten und zur Ausleitung, gegen Kopfschmerzen, zur Infektprophylaxe und für Entspannung. Und zu Hause wurden dann dieser und jener Likör oder Aufstrich angesetzt oder eben das wohl bekannteste Rezept realisiert: „Nervenkekse“ oder „Energiekekse“ nach Hildegard gebacken! Butter, Zucker, Eier, Dinkelmehl mit reichlich Zimt, etwas weniger Galgant sowie eher wenig Muskat und Nelke gewürzt. Je höher man die Gewürze dosiert, desto weniger Kekse pro Tag sollte man verzehren. Die Dosis macht „das Heilmittel oder das Gift“, das stammt zwar von Paracelsus, aber Hildegard hätte sicher zugestimmt. Und es muss schmecken. Das ist ja sowieso ganz individuell.

Viel Spaß und Erfolg beim Spurensuchem und Ausprobieren wünscht Ihnen herzlich

Christoph Wagner, 1. Vors. NHV Taunus

Extra-Tipp: Meine Top Seven der Hildegard-Heilpflanzen

In der „Physica“ (Heilmittelkunde) beschreibt Hildegard mehr als 200 Pflanzen. Manches Kräuterporträt entspricht nicht den heutigen Erkenntnissen. Anderes klingt plausibel und könnte passen, müsste aber noch mehr erprobt werden.

Bertram: nach Hildegard für Schwächezustände sowie Verdauungs- und Stoffwechselprobleme, daher auch zur Prophylaxe und Infektabwehr

Diptam: laut Hildegard hilfreich bei vielen Krankheiten; nach moderner Hildegard-Medizin bei Arteriosklerose

Esskastanie: bei Hildegard ein Stärkungsmittel – neben Dinkel und Fenchel (Gemüse) das dritte Lebensmittel, das sie uneingeschränkt empfiehlt

Fenchel (Kraut): wirkt bei Magen- und Darmbeschwerden, gegen Mundgeruch, bei Augenentzündungen und stimmungsaufhellend; als „Sivesan“ bezeichnet Hildegard ein Fenchel-Mischpulver (16 g Fenchel, 8 g Galgant, 4 g Diptam, 2 g Habichtskraut), das gegen Verdauungsbeschwerden, Schweißausbrüche und zur Rekonvaleszenz empfohlen wird

Galgant: krampflösend, bei Schmerzen im Oberbauch, mit dem Ingwer verwandt und daher ähnliche Indikationen (Appetitlosigkeit), auch von der wissenschaftlichen Phytotherapie anerkannt

Petersilie: heute bei Harnwegsinfekten und Nierengrieß, nach Hildegard gegen Herzbeschwerden und Milzschmerzen

Wermut: wirkt gegen Verdauungsprobleme (da Bitterstoffpflanze), Melancholie (aus gleichem Grund plausibel) und vieles andere mehr; in der modernen Hildegard-Medizin in Form von Wermuttrank (Wein, Honig, Wermut) zur Frühjahrskur, aber auch Infektprophylaxe empfohlen

Foto: © Pixabay

Veröffentlicht in Tipp des Monats.